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Urlaub in der alten Schule in Süllwarden |
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BosselnHistorie"Als die Römer frech wurden und nach Deutschlands Norden zogen, reagierten die Friesen ausgesprochen sauer. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus (55 bis 116 n. Chr.) berichtet darüber in seinem Buch "Germania ", dem wichtigsten Zeugnis der Germanenkunde: "Die Bewohner an der Niederelbe verwendeten gegen die römischen Eindringlinge in der Sonne gebrannte Lehmkugeln. Selbst auf größere Entfernungen erzielten diese Bewohner eine bewundernswerte Treffsicherheit, weshalb auch die römischen Krieger diese Kugeln fürchteten " "So genau die Boßler ihre Traditionen kennen, so verschwommen sind ihre Auskünfte über die ersten Kugelkämpfe. Lange Zeit ging die Forschung davon aus, daß die Holländer 1634 die Sportart mit nach Norddeutschland brachten, als sie vor einer schweren Sturmflut flüchteten. In seiner Examensarbeit für die Pädagogische Hochschule in Kiel (Thema: "Die Bedeutung des Boßelns für den Schulsport an der schleswig-holsteinischen Westküste ") aber ging Pädagoge Klaus Schneider noch einige Jahrhunderte weiter zurück. Es war es, der das eingangs erwähnte Tacitus-Zitat für die Boßel-Welt entdeckte, in dem von den zimperlichen Römern die Rede ist. Weniger zimperlich als die Römer waren die Regel-Päpste der Boßler. Das zeigen die Satzungen aus dem Jahre 1922, wo beispielsweise unter dem Kapitel "Feldboßelkämpfe " unter arabisch 7, Absatz 2, zu lesen ist: "Trifft die Boßel den eigenen Mann, so ist der Wurf gültig. " (aus: Die Welt) Und noch etwas Geschichte "Zwar haben Klootschießen und Boßeln eine gemeinsame Spielidee, aber ihre Geschichte ist unterschiedlich. Das ursprüngliche Spiel ist das Klootschießen, das über Jahrhunderte in den küstennahen Marschlandschaften gespielt wurde. Im Winter, wenn die (Feld-)Arbeit ruhte und der Boden gefroren war, zogen die Mannschaften - häufig als Mannschaften zweier Dörfer - über die brachliegenden Felder und Weiden. In die umfangreichen Vorbereitungen und in das aktuelle Wettkampfgeschehen fühlten sich alle Dorfbewohner einbezogen. Spieler mußten nach ausführlicher Beratung benannt werden. Wettkampfregeln und Wettkampfstrecke mußten sorgfältig geprüft und ebenso festgelegt werden wie der Abschluß des Wettkampfes mit Siegerehrung und Preisverleihung. Klootschießen war das winterliche Ereignis schlechthin. Sehnsüchtig wartete man auf Frost und Eis als unerläßliche Voraussetzungen für den Wettkampf, denn erst der hartgefrorene Boden machte das Spiel möglich: Die Kugel konnte nicht in der Erde versinken, bei geschickter Wahl der Aufprallstelle mit ebenem und besonders stark durchgefrorenem Untergrund hatte ein zielsicherer Werfer gute Chancen; daß seine Kugel noch einmal hoch aufsprang und dann über eine längere Strecke ausrollte. Dieser "Trüll" konnte spielentscheidend sein. Aber auch die Zuschauer, die dem Wettkampfereignis erst den "würdigen " Rahmen verliehen, konnten nur dann mit über die Felder ziehen, wenn der Frost den Boden begehbar gemacht hatte und das Eis das Überwinden der Gräben ermöglichte. Aus diesem ursprünglichen Friesenspiel hat sich Boßeln als Straßenboßeln entwickelt, als Spiel der Bewohner der hinter der Marsch liegenden Geest, in der es an freien Flächen mangelt. Büsche, Bäume, Hecken und kleinere Hügel machten es schwer, fast unmöglich, eine geeignete Wettkampfstrecke fürs Klootschießen zu finden. So lag es nahe, nach einer anderen Interpretation der Spielidee zu suchen. Man merkte schnell, daß das Spielen auf Wegen eine andere Wurftechnik verlangte als auf dem freien Feld: Statt die Kugel zu werfen, wurde sie gerollt. Diese Veränderung der Wurftechnik machte auch eine Anpassung des Wurfgerätes an die Technik notwendig. Die kleine Klootschießerkugel wurde mit der Zeit durch eine größere Boßelkugel ersetzt. Inzwischen ist Boßeln auch bei den Bewohnern der Marsch zum beliebten Spiel- und Freizeitvergnügen geworden. Es kann zu jeder Jahreszeit - nicht nur im Winter bei Frost - ohne viel Aufwand und wurftechnisch anspruchslos gespielt werden. Klootschießen und Boßeln sind über das sportliche hinaus auch ein geselliges und kommunikatives Ereignis. Sie bieten Gelegenheiten. sich "so nebenbei " zu unterhalten, Gedanken auszutauschen und zu "tratschen", aber auch den Spielverlauf zu "analysieren und zu kommentieren". Selbst ein Spiel bei Kälte, Wind und Regen wird positiv erlebt, wenn man nach einigen Stunden heimkehrt und wieder ein Gefühl für die anheimelnde Geborgenheit der "guten" Stube gewinnt. Die sportliche Herausforderung besteht für die Spieler darin, nicht nur weite Wurfleistungen zu bringen, sondern sich auch mit den Bedingungen der Strecke auseinanderzusetzen: Wo rollt die Kugel am günstigsten? Wie nehme ich die Straßenkurve? Wie beeinflußt der Straßenbelag den Lauf meiner Kugel? Wie verhindere ich daß die Kugel in den Graben rollt? Gerade diese Unwägbarkeiten, die in der Bewältigung des Raumes liegen, machen das Spiel reizvoll. " (aus: praxis im blickpunkt, S. 55) Klootschießen - was ist das? "Ein Kloot ist eine kleine Holzkugel mit Bleifüllung, knapp ein Pfund schwer, und niemand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte diese Kugel weiter werfen als der Bauer Berend Onken aus dem Dorfe Heglitz bei Wittmund. Wenn Onken warf, strömten die Menschen aus ganz Ostfriesland herbei, 10 000, ja 15 000 waren keine Seltenheit. "Kanone" wurde Berend gerufen, sein eigentlicher Ehrenname aber lautete "Bernd Klootscheeter". Im Winter 1883 trat das Idol der Ostfriesen leihweise in jeverländische Dienste, denn nur mit Onken in ihren Reihen glaubten die Jeverländer einen Klootschießer-Vergleich mit Butjadingen bestehen zu können. Onken warf, was seine starken Bauernarme hergaben, aber diesmal war das Glück gegen. ihn. Beim letzten Wurf der Butjadinger landete der Kloot auf einer blanken Eisfläche, bekam dort erst richtig Fahrt und rollte und rollte ("trüllen" sagen die Klootschießer) in schier unerreichbare Ferne. Bernd Klootscheeter versuchte es trotzdem, nahm mächtig Anlauf, warf gewaltig wie nie zuvor, doch kam die Kugel in tiefem Schnee auf, wo sie nicht trüllte, sondern wie erstorben steckenblieb - platsch und aus! Vor Wut biß Onken in den Kloot, und alte Chroniken wissen zu berichten, daß seine Zähne tief in Holz und Blei gedrungen seien. Jedenfalls wurde diese Kugel noch Jahrzehnte in Haddien bei Jever aufbewahrt, eine Ikone des Klootschießens." (aus: Die Zeit, 13.5. 1988, S. 73) Boßeln heute "Der Bernd Klootscheeter unserer Tage heißt Hans-Georg Bohlken und stammt aus dem 103-Seelen-Dorf Ellens bei Zetel. Mit einer Weite von 105,20 Metern hält er den Weltrekord im Klootschießen. In Irland wird Bohlken gar als "Mann des Jahrhunderts" gefeiert, seit er im September 1985 den Kloot über eine für unbezwingbar gehaltene Eisenbahnbrücke in der Nähe von Cork schleuderte und dafür 5000 irische Pfund kassierte. Hans-Georg Bohlken ist hoher Favorit für die Europameisterschaften der Klootschießer und Boßler, die am Himmelfahrtstag in Norden/Ostfriesland beginnen und vier Tage dauern. Selbst die Iren wetten auf ihn. Auch in Norden werden zu den einzelnen Wettkämpfen zehn- bis zwanzigtausend Zuschauer erwartet. Die Popularität des friesischen "Heimatsports", wie das Klootschießen vorzüglich in Funktionärskreisen tituliert wird, scheint ungebrochen; seine Traditionen aber sind es nicht. So ganz ohne Verrenkungen läßt sich kein Bogen spannen von Bernd Klootscheeter zu Hans-Georg Bohlken. Die Naturburschen von ehedem, die selbst bei Frost barfüßig und in Unterhosen an den Abwurf gingen, haben wenig gemein mit den Spitzenklootschießern von heute, die wie Leistungssportler trainieren und sich auch so kleiden. Zudem lebt der Friesensport längst nicht mehr vom Klootschießen allein. 41 000 Mitglieder zählt der "Friesische Klootschießer-Verband", aber die meisten kennen das Klootschießen nur noch vom Zusehen. 95 Prozent der Friesensportler frönen heute einem Straßenspiel, dem Boßeln. Die Funktionäre nennen das Boßeln gern eine "Abart des Klootschießens", was mancher Aktive, der die unterschiedlichen Bewegungsabläufe am eigenen Leibe erprobt hat, seinerseits "abartig" findet. Tatsächlich sind Boßeln und Klootschießen so grundverschieden wie etwa Speerwerfen und Bowling. Klootschießen steht für geballte Kraft, Boßeln für Fingerspitzengefühl. Klootschießen lebt von den Legenden bärenstarker Werfer, die immer Einzelkämpfer waren und sein mußten, da es solche Exemplare nun mal nicht im Dutzend gibt. Boßeln hingegen ist ein Volkssport, der in Ostfriesland an fast jedem Wochenende Tausende auf die Straße bringt. "Achtung Boßelspiele", warnen die Verkehrsschilder. Was diese beiden Sport arten verbindet, sind gemeinsame Regeln und das weite Dach des Friesensports. Der alte Geist des Klootschießens lebt heute nur noch bei den großen Feldkämpfen zwischen Ostfriesland und Oldenburg auf. Man spricht in diesem Zustand auch von "Länderkämpfen": Sieben gegen sieben treten sie an, und die Zahl der Berufungen wird ebenso getreulich nachgehalten wie bei den Nationalspielern im Fußball. Gefrorener Boden ist Voraussetzung für den Wettbewerb, andernfalls könnten die Würfe (plattdeutsch: "Flüchte") nicht die gewünschte Fortsetzung in möglichst langem Trüllen erfahren. Bereitet sich ein Ostfriese auf den Wurf vor, wird hymnisch "In Ostfreesland is't am besten" intoniert, übrigens nach der Melodie von "Weißt du, wieviel Sternlein stehen". Die Oldenburger bringen ihre Werfer im Gegenzug mit "Heil dir, o Oldenburg" auf Touren. Und so geht es kilometerweit, Hymne auf Hymne, Wurf auf Wurf, über Felder und Weiden, über Zäune und ungezählte Gräben, die hier "Schlote" heißen. Zwischen Sieg und Niederlage liegen am Ende oft nur ein paar Meterchen. (...) Die Europameisterschaften bestehen (...) nicht nur aus dem Feldkampf. Beim sogenannten "Standkampf" geht es, dem Schleuderballwerfen vergleichbar, ausschließlich um die Weite des Wurfs. Und dann ist da noch das Straßenboßeln, die einzige Disziplin des Friesensports, bei der auch Frauen eine Europameisterin ermitteln und die gewöhnlich von den Iren gewonnen wird. Iren sind keine Friesen (sondern Kelten). Allein durch ihre Teilnahme an den Europameisterschaften setzen sie dem friesischen Heimatsport-Pathos einen Dämpfer auf. Straßenboßeln kennt keine Heimatgrenzen. In früheren Zeiten wurde vornehmlich in Wirtshausgärten geboßelt beziehungsweise gekegelt, was dasselbe war. Das Bild änderte sich, als im 18. und 19. Jahrhundert verstärkt Wege und Straßen angelegt wurden. Besonders da, wo sie schön flach und geradlinig verliefen, an der Küste also, war man nicht länger aufs Wirtshaus angewiesen. Die Wettkampfregeln für das neue Straßenspiel borgte man sich beim vertrauten Klootschießen, das in den Marschen vermutlich schon seit Urzeiten betrieben wird. Nicht immer waren die Zeitläufte dem Friesensport günstig. In den Wirtschaftswunderjahren und noch mehr in der Aufbruchseuphorie der späten sechziger und frühen siebziger Jahre fiel der Heimatbegriff (von den Vertriebenenverbänden mal abgesehen) unter die Rubrik "lästiges Erbe". Als der spätere Klootschießer-Europameister Karl Kleemann 1971 nach Jahren der Abwesenheit in seine ostfriesische Heimat zurückkehrte, fühlte er sich wie unter Fremden: "Wir Klootschießer", erinnert sich Kleemann, galten nur noch als Rabauken, die immerzu Streit suchten. Jeder Sinn für Traditionen war verlorengegangen. Plattdeutsch wurde kaum noch gesprochen. Es war schlimm." Zu dieser Zeit sah sich Heie-Focken Erchinger, der Mann, der in Ostfriesland die Deiche baut, bemüßigt, mal einen ganz anderen Deich zu bauen - einen gegen das Vergessen. Es ärgerte ihn, daß es in seiner Behörde, dem Bauamt für Küstenschutz in Norden, zwar eine Fußballmannschaft, nicht aber ein Boßelteam gab. "Dabei", sagt Erchinger, "ist Boßeln doch unser Heimatspiel." Folglich regte er einen Boßelvergleich der ostfriesischen und oldenburgischen Wasserwirtschaftsämter an. Die Resonanz war dürftig. Mehr als ein Häuflein Aufrechter kam nicht zusammen. Doch die Stimmung sollte bald umschlagen. Die Heimat gewann Boden. Es kamen die Ölpreis-Schocks, die Arbeitslosigkeit nahm zu und auch die Skepsis gegenüber den Verheißungen von Chip- und Atomkraftzeitalter. In gleichem Maße, wie die Zukunftsperspektiven sich verwischten, wandten sich immer mehr Blicke haltsuchend zurück aufs Altvertraute. Die regionalen Eigentümlichkeiten wurden wieder hervorgekehrt und waren auf einmal sogar von einem gewissen modischen Chic. Nicht alles ließ sich ohne weiteres wieder in seine alten Rechte setzen. Die plattdeutsche Sprache fristet, allen Beschwörungen zum Trotz, ein Stiefmütterchendasein in den lyrischen Sendenischen der Rundfunkanstalten und den zwanghaft humorigen Darbietungen von Heimatbühnen. Der Friesensport aber schwamm schnell obenauf auf der Welle romantischer Rückbesinnung. Die Klootschießer und viel mehr noch die Boßler erlebten unverhoffs eine Renaissance ihres Sports. [1988] fand in der Nähe von Braunschweig die 17. Auflage von Heie-Focken Erchingers Wasserwirtschafts-Boßeln statt. Sechzig Teams aus ganz Niedersachsen waren auf der Straße, mehr als 500 Teilnehmer. Und den meisten war es schnurzegal, ob es sich um ein friesisches Heimatspiel handelte oder nicht: Sie hatten einfach Spaß an der Sache." (aus: Die Zeit, 13.5. 1988, S. 73) Regeln des Boßelns "Klootschießen und Boßeln sind Wurfspiele, bei denen eine Kugel - in einigen Gegenden auch eine Scheibe - möglichst weit geworfen oder gerollt werden muß. Zwei Mannschaften mit gleicher Spielerzahl spielen gegeneinander mit der Absicht, eine vorher festgelegte Strecke von einigen Kilometern mit so wenig Würfen wie möglich zu überwinden. Innerhalb der Mannschaften wird die Reihenfolge der Werfer festgelegt. Der Wettkampf beginnt mit dem Wurf der jeweils ersten Werfer einer jeden Mannschaft. Der zweite und die folgenden Spieler werfen jeweils von der Stelle, an der die Kugel nach dem Wurf des vorherigen Spielers der eigenen Mannschaft liegengeblieben ist. Es wirft immer der Werfer zuerst, dessen Kugel zurückliegt. Hat ein Werfer einer Mannschaft eine Weite vorgelegt, die von zwei Werfern der gegnerischen Mannschaft nicht erreicht wird, so hat die erste Mannschaft einen Wurf (Punkt) gewonnen. Bei ihr als der führenden Mannschaft setzt der folgende Spieler aus. Dadurch ist gesichert, daß die beim Start festgelegte Wurfpaarung (1 gegen 1, 2 - 2, ...) erhalten bleibt. Die Mannschaft, die die meisten Punkte ("Schöts") erreicht, hat gewonnen." (aus: praxis im blickpunkt, S. 54f) Boßelregeln 1. Zu Beginn werden Mannschaften von 4-6 Personen gebildet, jede Mannschaft wiederum wählt einen Gruppenführer aus ihrem Kreis. 2. Innerhalb der einzelnen Mannschaften wird die Reihenfolge festgelegt, in der geboßelt werden soll, so daß jedes Mannschaftsmitglied eine Nummer von 1 bis 4, 5 oder 6 erhält. Es ist unbedingt notwendig, daß sich jeder die ihm zugeteilte Positionsnummer merkt. 3. Es spielen jeweils zwei Teams (A und B) mit je einer Kugel gegeneinander, und es werfen immer die Leute mit den gleichen Nummern gegeneinander. 4. Gezählt wird so: Einen Punkt bekommt die Mannschaft, der es gelingt, die Boßelkugel so weit zu werfen, daß die Gegner selbst mit den nachfolgenden Würfen die Kugel nicht erreichen können. 5. Rollt die Kugel von der Straße (etwa in einen Graben), dann darf der nachfolgende Spieler auf der Straße weiterspielen, er beginnt auf der Höhe, wo die Kugel gefunden wurde. 6. Die im Rückstand liegende Mannschaft darf immer als erste werfen. Beispiel Es beginnen Nr. I und 1 hintereinander zu werfen. Dann wirft von der zurückliegenden Mannschaft die Nr. 2. Danach wirft die Nr. II. Da Nr. II den Wurf von Nr. 2 nicht erreicht hat, darf Nr. III jetzt beginnen. Da Nr. III die vorgelegte Strecke von Nr. 2 auch nicht einholt oder übertrifft, erhält jetzt Mannschaft B einen Punkt. Nr. 3 muß pausieren. Dann beginnen die beiden Nr. IV und 4 von neuem. Technik Unterschiede Klootschießen - Straßenboßeln "Die Friesen-Kugel gibt es heute noch. In Schleswig-Holstein heißt sie Boßel und in Ostfriesland Kloot (aus dem Holländischen: Klumpen). Boßel und Kloot haben einen Durchmesser von sechs bis zehn Zentimetern, wiegen 500 Gramm, bestehen aus Holz, sind durchbohrt und mit Blei ausgegossen. Der Unterschied zum Friesenspiel mit den alten Römern: Heute geht es in den Küstendörfern in Schleswig-Holstein und Ostfriesland, aber auch in Holland, Südirland und England weniger darum, irgend jemanden am Kopf zu treffen. Vielmehr dürfen sich diejenigen als Sieger feiern lassen, die die Kugel am weitesten schleudern. Was gespielt wird, wird Boßeln (vom mittelhochdeutschen Wort bozen = stoßen) oder Klootscheeten (Klumpenschießen) genannt. Geboßelt wird im Winter, möglichst bei gefrorenem Boden. Es gibt Straßen- und Feldkämpfe über kilometerweite Strecken, von einem Ort zum andern. Zumeist kämpfen zwei Teams, jeweils zwischen zehn und 101 Mann stark, gegeneinander. Abwurfstelle für einen Boßler ist der Punkt, den sein Vorgänger erreichte. Winterlicher Boden ist deshalb so gefragt, weil bei einer Distanz von über zehn Kilometern querfeldein die Kugel ab und zu in einem Feldbach verschwindet. Und schleswig-holsteinische Boßler, in der Regel Nordfriesen, und selbst Ostfriesen wissen genau, daß ein vereister Bach der Boßel das Untertauchen durchaus erschwert. In der Bundesrepublik gibt es zwei Verbände: den Verband schleswig-holsteinischer Boßler (etwa 4500 Mitglieder) und den ostfriesischen Klootscheeter-Verband (etwa 5000 Mitglieder). Seit Jahrhunderten tobt zwischen den beiden Völkerstämmen der Machtkampf um die Vorherrschaft in der Boßelkunst. Und seit Jahrhunderten galten die Ostfriesen als die Stars der Materie, Nordfriesen nur als Mitläufer und Neider. Seit wenigen Jahren jedoch können die in unzähligen Wettkämpfen Gedemütigten aus Schleswig-Holstein mithalten. Dank des Sportstudenten Rainer Christiansen aus Koldebüttel (13 km südlich von Husum), dessen Bestweite auf 97 Metern steht - im Dreierwurf bei 281,9 Metern. Eine Leistung, die selbst Ostfriesen zu einem anerkennenden Brummen veranlaßt. Was ihnen weniger gefällt, ist die schleswig-holsteinische Taktik, den Christiansen fast in jedem Wettkampf einzusetzen. Die Wurftechniken der Kontrahenten aus Ost- und Nordfriesland bzw. Schleswig-Holstein sind verschieden. Die Ostfriesen schleudern die Kugel nach einem ordentlichen Anlauf mit abschließender vertikaler Armdrehung, durch die Luft. Als Anlauffläche benutzen sie einen 30 Meter langen dunkelroten Teppich, an dessen Ende ein stark gefedertes Absprungbrett liegt. Im Winter eine rutschfeste Angelegenheit. Die Schleswig-Holsteiner - so beispielsweise ihr früherer Verbandsvorsitzender Klaus Schneider, ein Konrektor in St.Peter-Ording - behaupten, daß "die Ostfriesen erst dann anlaufen, wenn die letzte kleine Falte aus dem Teppich gebürstet ist". Die Konkurrenz hält nichts von den Hilfsmitteln der Ostfriesen. Nordfriesen ziehen Nagelschuhe (Spikes) an, wenn sie auf glattem Untergrund anlaufen. Außerdem machen sie vor dem Abwurf noch eine Drehung und schleudern die Boßel von sich wie ein Diskuswerfer den Diskus. Diese Technik ist selbst dem Brockhaus nicht bekannt. Dort steht unter "Boßeln" nur die Definition der ostfriesischen Spielart. Schleswig-Holsteiner unterstellten in den Zeiten ihrer Demütigung dem Brockhaus, er habe diese Definition von einem ostfriesischen Mitarbeiter erstellen lassen. Auch ein anderes Beispiel zeigt, wie sehr der Stachel der Niederlagen die Schleswig-Holsteiner piesackte. Als man noch auf die urige Wurfkraft des Studenten Christiansen verzichten mußte, sagte einmal Nordfriese Peter Petersen, Vereinswirt des Boßel-Vereins in Garding: "Unser Wurf mit der Drehung ist viel schwieriger. Sollen die Ostfriesen doch ruhig weiter werfen als wir. Unser Stolz verbietet uns, diesen primitiven Wurfstil zu übernehmen. Und dann noch der Zirkus mit dem Teppich..." Heute strahlt Wirt Petersen: "Klasse setzt sieh eben durch. Der Christiansen hat den Ostfriesen endlich die Zähne gezeigt." Steht die sogenannte Boßel-Olympiade ins Haus, wird der Gegensatz der Lager besonders deutlich. Dann, wenn sich Iren, Engländer, Holländer und Deutsche treffen, um die weltbesten Boßler zu ermitteln, beschwören Schleswig-Holsteiner und Ostfriesen ein deutsch-deutsches Problem eigener Art herauf. Man startet mit zwei Mannschaften: Nordfriesen und Ostfriesen. So war's bei der Olympiade 1972 in Garding, 1974 in Holland - (...) es 1977 auch im irischen Cork (...) einzige, worauf sich die Friesen bisher einigen konnten, war die gemeinsame Nationalhymne. Waren 1972 vorwiegend Iren und Ostfriesen erfolgreich, so wollen im nächsten Jahr die Nordfriesen endlich den großen olympischen Durchbruch schaffen, mit Christiansen freilich keine große Kunst. Eine 60-Mann-Equipe wird dann nach Irland reisen, neben den Wettkämpfern auch Betreuer, deren Aufgabe es übrigens ist, die schmutzige Boßel abzuwischen. Ferner sind Schlachtenbummler und Politiker - wie beispielsweise Nordfrieslands Landrat Dr. Klaus Petersen - mit von der Partie. Das olympische Programm: Der Straßenkampf nach irischen Regeln mit einer 800 Gramm schweren Eisenkugel. Am Start sind Zehner-Teams, wobei jeder zwei Würfe hat Der Feldkampf nach holländischen Regeln mit dem 275 Gramm schweren Kloot - mit Zehner-Mannschaften, wobei jeder einmal werfen darf. Der Standkampf nach ost- und nordfriesischen Regeln mit der 500 Gramm-Kugel. Hier hat jeder vier Würfe. Die drei besten werden gewertet. Es dauerte viele Jahre, ehe die Disziplinen der Olympiade unter einen Hut gebracht. waren. Denn auch Iren und Holländer verteidigten stolz ihre eigenen Spielarten und sorgten lange Zeit für ein Boßel-Babylon. Boßel-Olympia muß - wie die Große olympische Bewegung - ebenfalls mit Boykottdrohungen leben. 1972 zum Beispiel wollten Holländer und Iren der Olympiade in Garding fernbleiben, weil der Veranstalter den Gottesdienst nicht ins olympische Programm mit aufgenommen hatte. Erst a1s die Nordfriesen nachgaben, sagten Holländer und Iren zu. Die Boßler im Norden Deutschlands behaupten es nicht nur, sie weisen auch nach, daß die Gardinger Olympiade 1972 für eine Verbreitung ihrer beliebten Sportart sorgte. Zuschauende Touristen zeigten Interesse. Und fortan findet - allerdings im Sommer - in jedem Dorf zweimal in der Saison Touristen-Boßeln statt. Letzten Sommer nahmen in St. Peter-Ording an einem Wettbewerb 250 Gäste teil, die bei Niedrigwasser übers Watt marschierten und die Kugeln vor sich herwarfen. Die einheimischen Boßel-Könige stehen dann als aufmerksame Zuschauer am Rande, belächeln die Ungeschicklichkeit der Touristen und amüsieren sich köstlich darüber, daß die Gäste im Sommer und nicht im Winter boßeln. Doch Kugelwerferei bei bei klirrender Kälte und Frost ist nun auch nicht gerade zum Lachen. Vor einigen Jahren, als noch Dorfmannschaften von jeweils 101 Mann gegeneinander boßelten und dabei zwei oder drei Tage mit Kind und Kegel, Pfarrer und Lehrer unterwegs waren, stellten sich die winterlichen Temperaturen als in der Tat nachteilig heraus. Bei einbrechender Dunkelheit mußte der Mammut-Wettstreit stets unterbrochen werden. Jede Partei stellte mehrere Betreuer ab, die in der Nacht bei eisiger Kälte die eigene Boßel bewachten, damit der Gegner etwaige dumme Gedanken nicht realisieren und die Kugel meterweit zurücklegen konnte. Boßel-Kenner wissen zu berichten, daß einige Boßel-Wächter bei ihrer verantwortungsvollen Tätigkeit Erfrierungen davontrugen. Experte und Konrektor Klaus Schneider bedauert, daß die Mammutkämpfe 101 gegen 101 Mann heute nicht mehr stattfinden: "Heute sind es höchstens 61 gegen 61. Viele haben eben nicht mehr soviel Zeit wie früher." Einige Zöpfe wurden radikal abgeschnitten. Wörtlich gilt das für die Aufforderung zum Kampf. Lange war es üblich gewesen, die Boßel im Vereinslokal des Gegners an einem geflochtenen Zopf aufzuhängen und zu warten, bis dieser gekappt und damit die Herausforderung angenommen war. Heute funktionieren die Wettkampfabsprachen auch in Ostfriesland per Telefon. Auch werden nicht mehr wie früher Knechte nur nach ihren Boßelfähigkeiten von den Bauern eingestellt und bezahlt. Es gibt jedoch Traditionen, die überlebten. Als Boßel-Fachsprache wird seit Jahr und Tag das Plattdeutsche bevorzugt. Beispiel: "Düt Spektokel ist ja dat Schöne an uns Spill."" (aus: Die Welt) Formen des Standboßelns Beim Standboßeln wird mir der kleineren, handlicheren Boßelkugel bzw. Kloot geworfen. Sie ist 475 g schwer und aus Apfelbaumholz mit "Bleidurchschüssen", und sie liegt "handschmeichlerisch" in der Hand. Es gibt zwei Wurftechniken: a) In Ostfriesland wird auf einem dreißig Meter langen roten (!) Teppich, der an seinem Ende ein stark federndes Absprungbrett hat, angelaufen. Mit dessen Federkraft und dem vertikalen Armschwung wird der Kloot in die Luft befördert. b) In Nordfriesland bevorzugt man den Drehwurf, der dem Diskuswurf gleicht. Der Werfer dreht sich dabei mehrfach um die eigene Körperachse. Mit beiden Wurfarten werden Weiten um die 100 m erzielt. Das Klootschießen ist ein Männersport, während beim Straßenboßeln schon lange "de Fruunslüd" mitwerfen, mittrinken, mitgewinnen. Alle vier Jahre gibt es für die Straßenboßler die "Boßelolympiade", zu der sich Sportler aus Irland, Südengland, den Niederlanden, aus Ost- und Nordfriesland treffen. Die Engländer nennen die Kugel "bowl", bei den Iren heißt sie "bol". Der Boßelgruß ist "Lüch op" (Heb auf), ein Wurf heißt "Schmeet" oder "Schott" (ein besonders weiter Wurf, eine Überrundung); der zurückgelegte Weg der Kugel, aber auch der Effet, der Drall, die Beachtung von Bodenbeschaffenheiten wird mit "Trüll" (wortverwandt mit dem hochdeutschen "Trullern") bezeichnet. Der offizielle Schiedsrichter ist der "Kretler", und voran gehen der "Kiek ut", der "Bahnweiser", der den Boßlern fahnenschwenkend den besten Weg zum Boßeln anzeigt, und er "Stockleger", der den Punkt bezeichnet, an dem die Boßelkugel den Boden berührt hat (beziehungsweise liegengeblieben ist). Pech haben die Spieler, die einen "Bleier" machen. Bei diesen Würfen wird die Kugel durch schlechtes Abwerfen aus der Bahn getragen. Dieses Bleiern bedeutet nicht selten einen großen Umweg, weil immer in schnurgerader Richtung nach einem kilometerweit entfernten Ziel geboßelt werden muß. Gräben, Hecken, Zäune, ja selbst Straßen und Bahnkörper sind dabei keine Hindernisse. Die Kugel wird dann so geworfen, daß sie vor oder hinter ihnen aufsetzt. Von großer Bedeutung für das gerade Fluchten ist der Bahnweiser, der die Richtung anzeigt. Er ist der größte aller Männer und muß ein Gefühl für das Gelände haben. Etwa hundert Meter geht er voraus und zeigt mit einer Fahne dem Werfer die Richtur an: "Hier mutt se hen". (aus: Stern) |
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